Warum die meisten kleinen Labels auf einmal nicht mehr fair sind

Brusttasche an einem Hawaiihemd mussterstimmend abstecken
- 12 Minuten lesen

Stell dir vor, du machst seit Jahren alles genauso wie immer. Dieselben Partner, dieselben Stoffe, dieselben Menschen, die deine Kleidung nähen. Und dann wachst du an einem Samstag im September auf und darfst nicht mehr sagen, dass du fair produzierst. Genau das ist vielen kleinen Modelabels in Deutschland am 27. September 2026 passiert. Seitdem gilt die EmpCo-Richtlinie der EU über das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Wer „fair“ schreibt, muss das jetzt belegen können – und zwar so, wie es der Gesetzgeber versteht.

Wir finden das Ziel richtig. Greenwashing ist ein echtes Problem, und wer mit leeren Versprechen wirbt, soll damit nicht durchkommen. Aber die neuen Regeln treffen nicht nur die, die schummeln. Sie treffen auch die, die seit Jahren ehrlich arbeiten und sich teure Siegel schlicht nicht leisten können. In diesem Artikel erklären wir dir, was sich geändert hat, was die Umstellung jedes einzelne Label an Arbeit und Geld kostet und warum sich an unserer eigenen Haltung bei Schönwetterfront trotzdem nichts geändert hat.

Was sich am 27. September 2026 geändert hat

Die EmpCo-Richtlinie in wenigen Sätzen

EmpCo steht für „Empowering Consumers for the Green Transition“. Die EU-Richtlinie 2024/825 wurde bereits 2024 verabschiedet und musste von allen Mitgliedsstaaten in nationales Recht übertragen werden. Deutschland hat das über das Dritte Gesetz zur Änderung des UWG erledigt, das im Februar 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet wurde. Seit dem 27. September 2026 sind die neuen Regeln verbindlich anzuwenden.

Im Kern geht es um drei Dinge. Erstens sind allgemeine Umweltaussagen wie „grün“, „umweltfreundlich“ oder „klimafreundlich“ ohne anerkannten Nachweis verboten. Zweitens dürfen Nachhaltigkeitssiegel nur noch verwendet werden, wenn sie auf einem Zertifizierungssystem beruhen oder von einer staatlichen Stelle festgesetzt wurden. Drittens müssen auch Aussagen über soziale Merkmale eines Produkts konkret und belegbar sein. Und genau hier wird es für Modelabels ungemütlich.

Warum auch das Wort „fair“ betroffen ist

Viele denken bei Greenwashing an Plastikflaschen mit grünen Blättern drauf oder an Fluggesellschaften, die sich „klimaneutral“ nennen. Die Richtlinie geht aber weiter. Sie zählt ausdrücklich auch soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen, angemessene Löhne und Menschenrechte zu den Merkmalen, über die ein Unternehmen nicht irreführen darf. Die IHK München nennt „fair“ in ihrer Übersicht sogar in einer Reihe mit „öko“ und „grün“ als pauschale Aussage, die ohne Spezifizierung und Nachweis nicht mehr geht.

Für ein Modelabel heißt das: Der Satz „Unsere Shirts sind fair produziert“ reicht nicht mehr. Wer ihn verwendet, muss erklären, was genau damit gemeint ist, und das auch nachweisen können. Ein selbst gestaltetes „Fair“-Logo im Shop, ein kleines Herz mit Weltkugel auf dem Etikett oder ein Badge im Instagram-Profil kann schnell als eigenes Nachhaltigkeitssiegel gelten. Ohne Zertifizierungssystem dahinter ist das seit dem 27. September unzulässig.

Keine Übergangsfrist, auch nicht für alte Texte

Was viele unterschätzt haben: Die Richtlinie sieht keine Übergangsfrist vor. Die Regeln gelten nicht nur für neue Kampagnen, sondern für alles, was ab dem Stichtag öffentlich sichtbar ist. Der Produkttext von 2019, der Blogartikel von 2021, der Hangtag an einem Hoodie, der noch im Lager liegt – alles muss den neuen Anforderungen entsprechen. Wer das nicht rechtzeitig geschafft hat, riskiert eine Abmahnung durch Mitbewerber oder Verbände.

Was die neuen Regeln jedes einzelne Label kostet

Große Modeketten haben Rechtsabteilungen, Compliance-Teams und Agenturen, die sich seit Monaten um nichts anderes kümmern. Ein kleines Label hat meistens zwei, drei Leute, die gleichzeitig designen, verpacken, Kundenmails beantworten und am Wochenende auf dem Markt stehen. Für sie bedeutet EmpCo vor allem eins: Arbeit, die nichts mit Kleidung zu tun hat.

Alle Texte auf den Prüfstand

Wir haben es selbst durchgemacht. Startseite, Kategorieseiten, jeder einzelne Produkttext und alle Artikel im Magazin mussten Satz für Satz durchgesehen werden. Dabei geht es nicht nur um offensichtliche Begriffe. Jede Formulierung, die eine Umwelt- oder Sozialwirkung andeutet, muss geprüft werden. Ein Beispiel aus unserer eigenen Überarbeitung: Aus „Bio-Baumwolle“ haben wir vorsichtshalber überall „Baumwolle“ gemacht. Nicht, weil sich am Material etwas geändert hätte, sondern weil wir uns damit angreifbar machen. Und bevor es heißt, dass der Nachweis, den wir (ohne eigenes Zertifikat) bringen können, nicht ausreicht, verzichten wir lieber darauf.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber rechne es einmal hoch: Ein Label mit hundert Produkten, ein paar Dutzend Blogartikeln und mehreren Jahren Social-Media-Geschichte sitzt schnell wochenlang an dieser Aufgabe. Zeit, in der keine neuen Motive entstehen und keine Bestellungen schneller verschickt werden.

Etiketten, Hangtags und Verpackung

Noch unangenehmer wird es bei allem, was gedruckt ist. Eingenähte Etiketten, Hangtags, Versandkartons, Beileger, Aufkleber – wenn dort ein Siegel oder eine pauschale Aussage steht, die nicht mehr zulässig ist, muss neu gedruckt werden. Für ein großes Unternehmen ist das eine Position in der Jahresplanung. Für ein kleines Label, das in Kleinauflagen produziert und Etiketten in überschaubaren Mengen bestellt, ist das bares Geld, das an anderer Stelle fehlt. Und die alten Bestände? Die landen im schlimmsten Fall im Müll. Ausgerechnet ein Gesetz, das Verbraucher beim ökologischen Wandel unterstützen soll, produziert also erst einmal Altpapier.

Zertifikate: der teure Ausweg

Der offizielle Weg, um weiter mit „fair“ oder einem Siegel werben zu dürfen, führt über anerkannte Zertifizierungssysteme. Das Problem: Die Kosten. Beim Global Organic Textile Standard (GOTS) rechnet die Organisation selbst für Betriebe mit einer Fertigungsstätte grob mit 1.200 bis 3.000 Euro Zertifizierungskosten pro Jahr. Dazu kommen Lizenzgebühren pro Betriebsstätte, der Aufwand für Dokumentation und Audits sowie die Zeit, die jemand im Team dafür aufbringen muss.

Für einen Konzern mit Millionenstückzahlen ist das eine Rundungsdifferenz. Für ein Label, das von einem Motiv vielleicht ein paar hundert Stück im Jahr verkauft, verteilen sich diese Kosten auf sehr wenige Teile. Entweder wird jedes einzelne Shirt spürbar teurer, oder die Marge schrumpft so weit, dass sich die ganze Sache nicht mehr trägt.

Das Abmahnrisiko als ständiger Begleiter

Bleibt noch die Unsicherheit. Weil es noch kaum Urteile gibt, weiß niemand genau, wo die Grenzen verlaufen. Wer sich absichern will, braucht eine Anwältin oder einen Anwalt, die oder der die Texte prüft. Wer darauf verzichtet, lebt mit dem Risiko einer Abmahnung, die schnell im vierstelligen Bereich liegen kann. Beides kostet – das eine sofort, das andere vielleicht später.

Warum die Rechnung für kleine Labels nicht aufgeht

Fair Wear erst ab Millionenumsatz

Jetzt wird es absurd. Eine der wichtigsten Organisationen für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ist die Fair Wear Foundation. Sie prüft Modemarken jedes Jahr darauf, wie sie mit Löhnen, Arbeitszeiten und Beschwerden in ihren Lieferketten umgehen. Eigentlich genau das, was ein ehrliches kleines Label gern vorweisen würde. Nur: In den veröffentlichten Mitgliedsbedingungen lag die Mindestschwelle für eine Mitgliedschaft zuletzt bei zehn Millionen Euro Jahresumsatz. Davon können die allermeisten unabhängigen Labels in Deutschland nur träumen.

Das heißt im Klartext: Selbst wer bereit wäre zu zahlen, kommt gar nicht erst rein. Die Tür, durch die man laut Gesetz gehen soll, ist für kleine Unternehmen oft schlicht zu schmal.

Kleinauflagen passen nicht in die Zertifikatslogik

Zertifizierungssysteme sind für Industrie gebaut. Sie funktionieren gut, wenn eine Marke große Mengen in wenigen Fabriken fertigen lässt und eine eigene Abteilung für Nachweise hat. Kleine Labels arbeiten anders. Sie wechseln Motive häufiger, produzieren in kleinen Stückzahlen und arbeiten oft mit mehreren kleinen Betrieben zusammen, statt mit einer großen Fabrik. Genau das macht sie besonders – und genau das macht Zertifizierungen für sie unverhältnismäßig teuer.

Das Ergebnis ist paradox: Die Labels, die am nächsten an ihrer Produktion dran sind, die ihre Partner persönlich kennen und manchmal selbst an der Nähmaschine sitzen, dürfen darüber am wenigsten sagen. Wer dagegen groß genug ist, um sich jedes Siegel zu leisten, wirkt nach außen plötzlich am vertrauenswürdigsten.

An unserer Haltung hat sich nichts geändert

Wir haben unsere Texte angepasst, weil wir müssen. Aber an der Art, wie wir arbeiten, hat sich nichts geändert – und das wird es auch nicht. Wir haben 2016 mit einer einfachen Idee angefangen: Kleidung mit Motiven aus der Heimat, gemacht mit Partnern, denen wir vertrauen. Daran halten wir fest. Statt dir ein Wort zu verkaufen, zeigen wir dir lieber, was konkret dahintersteckt.

Stanley/Stella und die Fair Wear Foundation

Unsere T-Shirts und Hoodies bedrucken wir auf Rohlingen von Stanley/Stella. Das ist kein Zufall. Stanley/Stella ist seit 2012 Mitglied der Fair Wear Foundation und wird dort jedes Jahr im sogenannten Brand Performance Check bewertet. Seit 2021 hat die Marke den Leader-Status, die höchste Kategorie, die die Fair Wear Foundation vergibt. Sie steht für Marken, die bei schwierigen Themen wie existenzsichernden Löhnen und Vereinigungsfreiheit besonders weit sind.

Und jetzt kommt der Punkt, der die ganze Debatte so schön auf den Punkt bringt: Stanley/Stella weist selbst darauf hin, dass die Fair-Wear-Mitgliedschaft keine Produkt- oder Fabrikzertifizierung ist. Das ist ehrlich, und wir schätzen das. Aber es bedeutet auch, dass wir als kleines Label, das diese Shirts bewusst auswählt, daraus kein Siegel machen können, das wir einfach auf unsere Etiketten drucken. Wir können dir nur erzählen, warum wir uns für diesen Partner entschieden haben. Genau das tun wir hier.

Lokal und regional: was das bei uns konkret heißt

Bei unseren Hawaiihemden ist die Lieferkette noch kürzer. Die Stoffe werden ausschließlich in Baden-Württemberg auf 100 % Baumwolle bedruckt. Genäht werden die Hemden von einer Lohnschneiderei in Sachsen, veredelt werden sie regional in unserer Manufaktur in Wiesbaden. Jedes Hawaiihemd ist Made in Germany. Wir kennen die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, wir können anrufen, vorbeifahren und uns die Arbeit ansehen.

Regional heißt für uns nicht, dass wir „Heimat“ als Marketingwort benutzen. Es heißt, dass die Wege kurz sind und dass wir mitbekommen, wenn etwas nicht stimmt. Wenn eine Naht nicht sitzt, reden wir mit den Leuten, die sie genäht haben. Wenn ein Druck nicht passt, fahren wir hin. Diese Nähe kann kein Zertifikat ersetzen – aber sie lässt sich eben auch nicht in ein Siegel pressen.

Kleinauflagen statt Massenware

Wir produzieren in Kleinauflagen. Ein neues Motiv wie unser Bembel-Shirt entsteht nicht, weil ein Trendreport es vorschlägt, sondern weil wir Lust auf die Idee haben und glauben, dass du es gern tragen wirst. Wir bestellen lieber nach, als Lager mit Ware vollzustellen, die am Ende niemand will. Das ist wirtschaftlich nicht immer der bequemste Weg, aber es ist unserer.

Kleinauflagen bedeuten auch: weniger Überproduktion, weniger Ware, die verramscht werden muss, und mehr Aufmerksamkeit für jedes einzelne Teil. Genau diese Arbeitsweise passt allerdings schlecht zu Systemen, die mit Stückzahlen rechnen. Wir haben uns trotzdem entschieden, dabei zu bleiben. Wenn du sehen willst, was dabei herauskommt, schau dich in unseren Outfits um oder stöbere durch die Socken, die bei uns im Winter gern als Geschenk unter dem Baum landen.

Häufige Fragen zu EmpCo und „fair“

Seit wann gilt die EmpCo-Richtlinie in Deutschland?

Die EU hat die EmpCo-Richtlinie 2024 verabschiedet. Deutschland hat sie über eine Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) umgesetzt, die im Februar 2026 verkündet wurde. Verbindlich gelten die neuen Regeln seit dem 27. September 2026, und zwar ohne Übergangsfrist für bestehende Werbung, Produkttexte oder bereits gedruckte Etiketten.

Darf ein Label nach EmpCo noch „fair produziert“ schreiben?

Nur mit Einschränkungen. Die pauschale Aussage „fair“ gilt ohne Nachweis als unzulässig oder zumindest als hohes Risiko. Erlaubt bleiben konkrete, belegbare Angaben, etwa zu Produktionsorten, Partnern oder anerkannten Zertifizierungen. Eigene Fair-Logos ohne Zertifizierungssystem sind seit dem 27. September 2026 nicht mehr zulässig.

Was kostet eine Zertifizierung für ein kleines Modelabel?

Das hängt vom System ab. Beim Textilstandard GOTS nennt die Organisation für Betriebe mit einer Fertigungsstätte grob 1.200 bis 3.000 Euro im Jahr, plus Lizenzgebühren. Hinzu kommen Zeit für Dokumentation und Audits. Die Fair Wear Foundation nimmt Marken erst ab einem hohen Mindestumsatz auf, den viele kleine Labels nicht erreichen.

Ist Stanley/Stella ein zertifizierter Hersteller?

Stanley/Stella ist seit 2012 Mitglied der Fair Wear Foundation und hat dort seit 2021 den Leader-Status. Das Unternehmen betont selbst, dass die Mitgliedschaft keine Produkt- oder Fabrikzertifizierung ist, sondern eine jährlich geprüfte Verpflichtung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Lieferkette.

Fazit: Fair ist jetzt, wer dafür bezahlt

Die EmpCo-Richtlinie hat ein richtiges Ziel. Wer mit leeren Versprechen wirbt, soll damit nicht mehr durchkommen, und das begrüßen wir. Aber die Umsetzung hat eine Nebenwirkung, über die kaum jemand spricht: Sie belohnt Größe statt Haltung. Wer genug Umsatz hat, kauft sich das passende Siegel und darf weiter „fair“ schreiben. Wer klein ist, in Kleinauflagen produziert und seine Partner persönlich kennt, muss schweigen oder sehr genau formulieren.

Unsere Meinung dazu ist klar: Fair produzieren dürfen jetzt offiziell nur noch die, die für Zertifikate bezahlen. Das Wort ist nicht verschwunden, es hat nur einen Preis bekommen. Wir zahlen diesen Preis lieber in Form von guten Partnern, kurzen Wegen und ehrlichen Geschichten. An unserer Arbeitsweise ändert sich nichts – nur an den Worten, mit denen wir sie beschreiben.

Wenn du wissen willst, wie das in der Praxis aussieht, schau dir unsere Hawaiihemden und T-Shirts an. Und wenn du selbst ein kleines Label hast und gerade dieselben Texte umschreibst wie wir: Schreib uns gern, wie es dir damit geht. Wir sind gespannt, ob es bei dir genauso aussieht.